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DCCs vor dem Durchbruch? Ein neuer DKD-Expertenbericht bringt Bewegung in die digitale Kalibrierung – und könnte ein echter Gamechanger für Industrie und Metrologie sein.

Digitale Kalibrierscheine gelten als wichtiger Baustein für die Digitalisierung der Qualitätsinfrastruktur.
Mit dem neuen DKD-Expertenbericht DKD-E 5-3 liegt nun erstmals eine praxisnahe Anleitung vor, wie solche digitalen Kalibrierscheine (Digital Calibration Certificates, DCCs) für Temperatur- und Feuchtemessgrößen konkret aufgebaut werden können. Der Bericht ergänzt bestehende Kalibrierrichtlinien um Erläuterungen zur Datenstruktur sowie konkrete XML-Beispiele – und schafft damit eine harmonisierte Grundlage für die Erstellung und Nutzung von DCCs in der Praxis. Was das konkret bedeutet und welche Auswirkungen sich für Industrie und Metrologie ergeben, erläutert Dr. Michael Melzer von der BAM.

Interview mit Dr. Michael Melzer (Leiter des Kalibrierlabors an der BAM)

1. Der neue DKD-Expertenbericht zu Digital Calibration Certificates (DCCs) für Temperatur- und Feuchtemessgrößen hat pränormativen Charakter. Warum ist diese Veröffentlichung ein so wichtiger Meilenstein für die digitale Metrologie?

Wir zeigen nicht nur das Konzept – wir zeigen, wie es praktisch umgesetzt wird. Der Expertenbericht schafft erstmals eine konkrete und harmonisierte Orientierung für die Erstellung digitaler Kalibrierscheine dieser Messgrößen. Das DCC-Schema existiert zwar schon länger, aber vielen Anbietern und Anwendern fehlte bislang eine praxisnahe Anleitung, wie ein solcher digitaler Kalibrierschein für ihre Messgröße tatsächlich aufgebaut sein sollte. Der Bericht erläutert den Aufbau von DCCs für Temperatur- und Feuchtemessgrößen und zeigt anhand konkreter XML-Beispiele, wie diese digitalen Kalibrierscheine konkret aussehen sollten und sorgt damit für eine harmonisierte Datenstruktur. Damit entsteht eine gemeinsame Grundlage für Kalibrierlabore, Industrie und Softwareanbieter, die die Einführung digitaler Kalibrierscheine deutlich erleichtert.

2. Viele Unternehmen zögern mit der Einführung digitaler Kalibrierscheine, solange gemeinsame Standards fehlen. Warum ist der neue DKD-Expertenbericht ein entscheidender Schritt, damit die Industrie nun stärker auf DCCs umsteigen kann?

Mit dem Expertenbericht liegt jetzt eine klare Spezifikation für die Datenstruktur digitaler Kalibrierscheine in den Messgrößen Temperatur und Feuchte vor. Dadurch können DCCs künftig konsistent erstellt und zwischen verschiedenen Systemen und Akteuren ausgetauscht werden. Viele Unternehmen und Kalibrierlabore haben auf genau diese Art von Spezifikation gewartet, bevor sie eigene Implementierungen starten, denn sie wollen vermeiden, dass diese aufgrund variierender Datenformate ständig angepasst werden müssen. Nun sind für den Bereich der Temperatur- und Feuchtemessgrößen robuste IT-Entwicklungen möglich, die dann auch DCCs von und für verschiedene(n) Stakeholder verarbeiten können. Für Unternehmen bedeutet das mehr Planungssicherheit und eine deutlich niedrigere Einstiegshürde, um Kalibrierdaten künftig direkt und automatisiert in ihre digitalen Prozesse zu integrieren.

In anderen Bereichen, in denen derartige Expertenberichte bereits veröffentlicht wurden (z.B. Waagen und Gewichte) zeigte sich z.B., dass erste Kalibrierdienstleister standardmäßig DCCs ausstellen und Messgerätehersteller DCC-Funktionalitäten in ihre Produkte aufnehmen. Wir erwarten deshalb ähnliche Effekte auch für die so wichtige Messgröße Temperatur, die ein kritischer Parameter in vielen Prozessen ist.

3. Es wurde bereits ein interoperabler Level-4-DCC für ein Temperaturfühler (Pt100) vom BAM-Kalibrierlabor im Geltungsbereich der Akkreditierung ausgestellt. Wie wichtig ist diese Interoperabilität für die digitale Qualitätsinfrastruktur und Prozesse?

Interoperabilität ist der Schlüssel für Automatisierung. An der BAM gehen wir mit diesen harmonisierten Kalibrierscheinen jetzt einerseits direkt in die Umsetzung für konkrete Pilotverfahren, andererseits wollen wir die Vorteile der Einbindung in eine zentrale digitale Prüfmittelverwaltung zeigen. Das reduziert den Aufwand für die Datenübertragung, minimiert Fehlerquellen und erleichtert so die manchmal lästige Qualitätssicherung und schafft die Grundlage für effizientere und stärker automatisierte Prozesse.

4. Der Expertenbericht ist das Ergebnis von rund 2,5 Jahren Gremienarbeit. Was waren die größten Herausforderungen bei der Entwicklung einer gemeinsamen Datenstruktur für DCCs für Temperatur und Feuchte – und welche nächsten Schritte stehen jetzt an?

Die größte Herausforderung bestand darin, eine Datenstruktur zu entwickeln, die fachlich korrekt sowie praxisnah ist und gleichzeitig die verschiedenen Fälle, die bei den betreffenden Kalibrierungen auftreten können, abbilden kann. Ziel ist es schließlich, möglichst alle Daten eines Kalibrierscheins, die für eine umfassende Automatisierung genutzt werden können, maschineninterpretierbar abzubilden. Auch innerhalb der Metrologie für Temperatur und Feuchte gibt es verschiedene Messgrößen, Kalibrierverfahren und Anwendungsfälle, die berücksichtigt werden müssen. Deshalb war die enge Zusammenarbeit zwischen Metrologieinstituten, Kalibrierlaboren und IT-Entwicklern besonders wichtig. Diese Arbeit ist aber noch nicht abgeschlossen, der Expertenbericht wird noch weiter ausgebaut um auch Lösungen für weitere Kalibrierobjekte (z.B. Thermoelemente, Temperaturlogger, Klimaschränke und Kalibratoren) bereitzustellen. Neben der Definition weiterer Spezifikationen für andere metrologische Disziplinen wie Kraft oder elektrische Messgrößen beteiligen wir uns auch an der Ausarbeitung von allgemeinen Regeln für die administrativen Daten, die Übergreifend gelten müssen. Auch diese stehen kurz vor der Veröffentlichung und sind ein enorm wichtiger Baustein für die Standardisierung von DCCs. Perspektivisch werden wir außerdem Möglichkeiten für eine automatisierte Validierung all dieser DCC-Spezifikationen schaffen müssen, um die digitale Transformation der Metrologie und Qualitätsinfrastruktur robust zu gestalten. 

Hier geht's zum Expertenbericht DKD-E 5-3

Das sind die Links zu den dazugehörigen Beispielen für Temperatur und Feuchte: https://lnkd.in/dyT7nSRg und https://lnkd.in/drTu6Vwk